Digitale Transformation der Theaterwelt

Ist es möglich, den Literaturklassiker „Herr der Fliegen“ auf die Bühne zu bringen und die Romanvorlage von William Golding gleichzeitig mit dem Computerspiel Minecraft zu verknüpfen? Die Antwort lautet: ja. Ich habe mich persönlich davon überzeugt und war sehr überrascht. Das junge Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin hat für die analog-digitale Adaption von „Herr der Fliegen: survival mode“ eine virtuelle Inselwelt erschaffen, in der die jugendlichen Darsteller bei jeder Aufführung mit Tablet-PCs einen Kampf um Leben und Tod führen und die virtuelle Inselwelt von der Bühne aus zerstören.

Inger Paus_80x80Was hat ein Videospiel überhaupt mit der Theaterwelt zu tun? Bei einem Salonabend bei Microsoft Berlin griff Tim Renner diese Frage auf. Der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin erklärte, dass sich das Theater seit jeher mit den Umbrüchen, die in einer Gesellschaft stattfinden, beschäftigt. Darüber hinaus beeinflusse die Digitalisierung, die für eine fundamentale Transformation unserer Lebenswelten verantwortlich sei, auch popkulturelle Strömungen. Für Tim Renner stellt Videogaming eine Erprobung der Wirklichkeit dar, die in einem geschützten Raum stattfindet. Auch das sei eine Gemeinsamkeit mit dem Theater, das sich ebenfalls in einem geschützten Raum abspiele, sagte er an dem Abend.

Regisseur Robert Lehniger und Dramaturgin Birgit Lengers unterstützten seine Sichtweise. Für sie ist es wichtig, mit dem Jungen Deutschen Theater Projekte umzusetzen, bei denen sie Grenzen überschreiten und experimentieren können. Wenn Internet und Digitalisierung die Gesellschaft maßgeblich verändern, müssen Theaterschaffende dies auch aus kultureller Sicht untersuchen, so die beiden Theater-Experten.

Johnny Haeusler, Organisator der re:publica und des Festivals für digitale Jugendkultur Tincon, betonte ebenso wie Friedrich Kirschner, Professor für digitale Medien an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, dass Computerspiele zum Alltag der Jugendlichen dazugehören und wie andere Medien auch als Kulturgüter angesehen werden sollten.

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Die Aufführung habe zu einem Diskurs in der Gesellschaft geführt, genau dazu seien Theater da, resümierte Tim Renner. Sie sollen neue Wege gehen, auch wenn sie damit vielleicht einmal scheitern. Dass dieses Experiment in einem Berliner Theater stattfand, freut ihn besonders. Wo, wenn nicht hier, fragte der Staatssekretär. Berlin habe die Funktion, im kulturellen Bereich Impulse zu geben.

Das Theater steht noch ganz am Anfang eines digitalen Transformationsprozesses. Die Inszenierung des Jungen DT zeigt, dass dieses Experiment gelingen kann.

Veröffentlicht von Inger Paus, Leiterin Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, Microsoft Deutschland

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