Bauer sucht Cloud

Author: Tanja Böhm

Kaum eine andere Branche wird in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute so von überkommenen Vorstellungen geprägt wie die Landwirtschaft. Wer jedoch dachte, die moderne Agrarwirtschaft beschränkt sich auf bukolische Landschaften und auf das Sähen, Düngen und das Ernten, konnte sich am Mittwoch dieser Woche von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Microsoft Atrium Unter den Linden eines Besseren belehren lassen. Die Landwirtschaft ist längst zu einem stillen und zugleich konsequenten Vorreiter der digitalen Revolution geworden. Der Arbeitstag der Landwirte beginnt heute in der Regel nicht auf dem Feld oder im Stall, sondern am Computer. Man könnte zugespitzt sagen: Bauer sucht nicht mehr Frau, sondern Bauer sucht Cloud. „Die Digitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse gewinnt immer mehr an Bedeutung“, hob der fränkische CSU-Politiker Schmidt, selbst Sohn eines Bäckers, im Gespräch mit dem Verleger Wolfram Weimer bei der Veranstaltungsreihe „Digitales Deutschland“ hervor.

Einige Eckdaten verdeutlichen den anhaltenden Stellwert der Agrarwirtschaft im Wirtschaftsgefüge. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts mehr als 280 000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland. Dort arbeiten fast eine Million Menschen, die zuletzt rund 18 Milliarden Euro im Jahr erwirtschafteten. Deutschland ist der drittgrößte Lebensmittelexporteur der Welt. Wenn heute immer weniger Bauern und Höfe immer mehr Menschen ernähren, liegt das vor allem am technischen Fortschritt und damit auch mehr und mehr an der digitalen Vernetzung der Landwirtschaft. Kein Wunder also, dass sich die älteste Branche der Welt bereits mit großen Schritten ins Zeitalter der Digitalisierung aufgemacht hat, um im globalen Wettbewerb die Nase vorn zu behalten. So leisten zum Beispiel Drohnen mit speziellen Kameras und Sensoren einen Beitrag, um die Landwirtschaft der Zukunft effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unterstützt mit rund einer Million Euro etwa das Projekt „CropWatch“ der Universität Bonn, bei dem mithilfe von Digitalkameras an Drohnen und Traktoren Informationen zur besseren Planung von Pflanzenschutz- und Düngemaßnahmen gewonnen werden. Algorithmen kombinieren die so gewonnen Vegetationsdaten mit Wetterdaten und Infos zum Pflanzenstandort. Landwirte gewinnen dadurch eine datengestützte Entscheidungsgrundlage, mit der die Produktivität gesteigert und die Umweltbelastung der Böden verringert werden kann.

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„Big Data ist ein wichtiger Baustein, um die Landwirtschaft noch leistungsfähiger zu machen“, sagt Schmidt. Insgesamt fördert sein Ministerium Big Data-Innovationen aktuell mit rund 29 Millionen Euro. Im Projekt „soil2data“ der Hochschule Osnabrück beispielsweise wird ein mobiles Labor entwickelt, das direkt auf dem Feld Bodenproben nimmt, Nährstoffe bestimmt und die Ergebnisse auswertet. So kann digital ermittelt werden, wie viel Düngemittel erforderlich sind, berichtet das BMEL. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Precision Farming“. Die Präzisionslandwirtschaft dürfte dem Strukturwandel der Landwirtschaft in den kommenden Jahren einen weiteren mächtigen Schub geben. Für Deutschland ist der smarte Ackerbau wegen seiner relativ kleinen Agrarflächen besonders wichtig, ist Schmidt überzeugt. Denn nur die Digitalisierung hat das Potenzial, kleinere Flächen maximal produktiv und nachhaltig zu bewirtschaften. „Das heißt aber auch, dass wir digitale Innovationen stärker nutzen müssen“, betont Schmidt. Insgesamt sieht der Minister Deutschland bei der digitalen Landwirtschaft zwar gut aufgestellt. Autonom fahrende Ackerfahrzeuge beispielsweise sind kein Zukunftsszenario mehr, Mähdrescher können schon heute eigenständig über die Felder fahren. Auch in Kuhställen haben längst Melkroboter die Arbeit übernommen, Forscher tüfteln an Robotern für Biohöfe, die Menschen das lästige Unkrautjäten abnehmen.

Aber: Bisweilen hakt es beim Übergang in die digitale Ära an bizarren Details. So berichtet Schmidt, dass der Deutsche Wetterdienst bis vor kurzem seine Wetterdaten aus rechtlichen Gründen nur per Fax an die Bauern schicken durfte. Digitale Datenverarbeitung? Fehlanzeige. Inzwischen hat Schmidt das Gesetz jedoch zusammen mit seinem Ministerkollegen Alexander Dobrindt (CSU) geändert, so dass heute auch die digitale Übertragung funktioniert. Das mag nach einem Schildbürgerstreich klingen, weist aber auf die vielen kleinen Hürden im Alltag hin. Und zugleich auf ein sehr grundsätzliches Problem: Solange der Breitbandatlas der Bundesregierung ausgerechnet im ländlichen Raum weiter von weißen Flächen beherrscht wird, kann es in der Praxis kaum vorangehen mit der Landwirtschaft 4.0. „Wenn der Bauer nicht ins Netz kommt, kann er keine digitale Landwirtschaft betreiben“, merkt Schmidt kritisch an. Darum wiederum geht unnötig viel Zeit für die Bewältigung einer sehr großen Herausforderung verloren.

Bis 2050 müssen zwei bis drei Millionen Menschen mehr auf der Erde ernährt werden. Gepaart mit dem wachsenden Lebensstandard in vielen Weltregionen rechnen Forscher damit, dass die Welt bis Mitte des Jahrhunderts nahezu doppelt so viele Nahrungsmittel benötigen könnte wie heute. Ohne eine digitale Landwirtschaft werden die dazu benötigten Ertragszuwächse und ein nachhaltiger Ackerbau jedoch nicht möglich sein.

Veröffentlicht von Tanja Böhm, Leitung Industrie- und Wirtschaftspolitik, Microsoft Deutschland

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