Macht Technologie unsere Gesellschaft inklusiver?

michel-arriens1,2 Milliarden Menschen mit Behinderungen leben auf der Welt. Sie haben Bedürfnisse, Wünsche, Ziele und noch zu viele Steine im Lebenslauf. Sie müssen auch heute noch, im Zeitalter von Pizzadrohnen, Flügen zum Mond und selbstfahrenden Autos, oft nach teuren, kräftezehrenden und zeitfressenden Wegen suchen, um ihren Alltag barrierefrei zu gestalten. Kann Technologie der Schlüssel zu einer inklusiveren Gesellschaft sein? Und wie schaffen wir es, nach vorne zu schauen, ohne dabei Menschen hinter uns zu lassen?

Teilhabe AN digitalen Innovationen
Die meisten meiner FreundInnen tummeln sich auf Facebook, Twitter, Instagram, haben WhatsApp & Co. Einige von ihnen sind blind, gehörlos, mobilitätseingeschränkt oder haben Lernschwierigkeiten. Sie haben sich die digitale Welt an ihre Bedürfnisse angepasst, sodass sie auf Augenhöhe mit mir und der Welt kommunizieren können. Das funktioniert nur, wenn die Dienste barrierefreie Kommunikation auch ermöglichen. Sprich: Untertitelung und Gebärdensprachübersetzung von Videos, Anpassungsmöglichkeiten in der Darstellung, einfache und leichte Sprache (ja, es gibt Unterschiede) und Screenreader-freundliche Formatierungen müssen angeboten werden.

Viele Firmen zögern noch, entscheiden sich oft aus Kostengründen gegen barrierefreie Angebote. Schauen wir uns die eingangs genannte Zahl von 1,2 Milliarden Menschen an, lassen sich die geringen Mehrkosten pro Kopf ziemlich schnell mit der neu gewonnen, tendenziell online-affinen Zielgruppe erwirtschaften. Außerdem helfen bspw. Untertitel und leichte/einfache Sprache Kindern beim Lese-/Spracherwerb oder Nicht-MuttersprachlerInnen beim Deutsch lernen. Jede/r Social-Media Guru empfiehlt außerdem Untertitel als reichweitensteigernde Maßnahme, und über Anpassungsmöglichkeiten am Text freut sich spätestens im Alter jede/r.

Teilhabe DURCH digitale Innovationen
Innovationen wie das Smartphone, kompakte Notebooks oder Apps wie die „Wheelmap“, eine community-gestützte Weltkarte für barrierefreie Geschäfte, Bars und andere POIs, erleichtern mir das Leben immens. Durch das Zusammenspiel von fortschrittlicher Soft- und Hardware kann ich meine Reisen überall auf der Welt barrierefrei planen, meine Steuer im Zug machen, mich über ausgefallene Aufzüge informieren, unabhängig von zu hohen Geldautomaten meinen Kaffee bargeldlos bezahlen oder mit Menschen, die nicht ohne Probleme von A nach B fahren können, in Kontakt bleiben. Insbesondere durch das Internet und Dienste wie change.org, WordPress, Facebook, MailChimp etc., ist es mir und anderen AktivistInnen möglich, unabhängig von den strukturellen oder baulichen Barrieren, politische und gesellschaftliche Arbeit zu leisten. Wir können jederzeit, an jedem Ort der Welt, unsere Gedanken per Skype austauschen, papierlos Unterschriften für unsere Anliegen sammeln, UnterstützerInnen mobilisieren, Bündnisse bilden oder Gelder für Aktionen einwerben.

Einige Apps, die ich nutze oder gut finde:

  • Wheelmap – Onlinekarte für barrierefreie POIs
  • Lern lormen – Lormen, die Sprache vieler taubblinder Menschen, lernen
  • Be My Eyes – Blinde Menschen können sehende Menschen per Livevideo um Hilfe bitten
  • ColorVisor – Farben erkennen per Knopfdruck
  • Ava – Automatische Audiotranskription in Gruppengesprächen

Und wo ist der Haken?
Viele Behinderungsformen können mit technischen Hilfsmitteln bereits ausgeglichen werden. So ermöglichen Cochlea-Implantate einigen gehörlosen Menschen das Hören oder Exoskelette querschnittsgelähmten Menschen einen aufrechten Gang. Leider ist die medial gemachte Wirklichkeit der Realität aber um Jahre voraus. So gibt es auch heute noch keine unplattbaren Reifen für meinen Roller, viele E-Rollstühle fallen nach Flügen einfach komplett aus und Klamotten muss ich immer noch in der Kinderabteilung kaufen. Wenn Krankenkassen schon bei der Kostenübernahme von bis zu 60.000 Euro teuren Armprothesen oder individuell angefertigten Laufrädern Probleme machen, wer soll dann eine bionische, also gedankengesteuerte, Hand bezahlen? Und wenn es jemanden gibt, der diese Hilfsmittel aus eigener Hand zahlen kann, haben wir dann in Zukunft eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft? Auf der einen Seite die, die Zugriff auf „Cyborgisierung“, also technische Erweiterbarkeit haben, auf der anderen Seite die, die sich gegen die Möglichkeiten entscheiden, nicht genug Geld haben oder am falschen Fleck der Erde leben.

Ich sehe außerdem die Gefahr eines neuen „Normbegriffs“. In Zeiten von vorgeburtlicher Selektierung durch Pränataldiagnostik müssen sich Eltern von Kindern mit Behinderung schon heute oft Sätze wie „So ein Kind muss doch heute nicht mehr sein!“ anhören. Der Druck auf die Verweigerer von technischem Fortschritt steigt mit den Möglichkeiten, sie werden ausgegrenzt und das Konstrukt „Behinderung“ als persönliches, nur selbst zu lösendes Problem begriffen. Sätze wie „Du hättest ja keine 5 im Sportunterricht haben müssen, hättest du mal im Exoskelett Fußball gespielt“ werden in Zukunft normal sein.

Digitale Teilhabe sehe ich als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Als gegenseitiges Aufeinander Zukommen, als Möglichkeit des Austauschs und des gegenseitigen Respekts. Hilfsmittel wie Exoskelette oder Apps a la „Be My Eyes“ und Wheelmap dürfen nicht dazu führen, dass wir keine Rampen mehr bauen oder Informationen nicht in Brailleschrift zur Verfügung stellen. Damit niemand abgehängt wird, muss Barrierefreiheit in allen Bereichen, auch im Netz, mitgedacht und an den Bedürfnissen orientiert weiterentwickelt werden. Technische Innovation kann Motor und Getriebeschaden zugleich sein, verschließen können und sollten wir uns aber auf keinen Fall vor ihr.

Gastbeitrag von Michel Arriens, Blogger und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Kleinwüchsiger Menschen (@RollerUndIch)

Unter dem Motto „Neue Wege gehen und damit Begegnungen schaffen“ haben sich Aktion Mensch und Microsoft in einer Kooperation das Ziel gesetzt, digitale Anwendungen und Angebote zu fördern, die für mehr Barrierefreiheit und ein selbstverständlicheres Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung sorgen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit findet vom 25. bis 27. November 2016 im Microsoft Office in Berlin der „Neue Nähe“-Hackathon statt. Ziel des Programmiermarathons ist es, Ideen und Ansätze für mehr Teilhabe und Inklusion in echte Anwendungen und innovative Lösungen zu verwandeln.
Mehr Informationen & jetzt anmelden: aka.ms/neuenaehe

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