Warum wir noch mehr Mädchen für Technik begeistern müssen

Sie kennen sicher Marie Curie, aber wahrscheinlich nicht Mary Somerville. Vielleicht ist Ihnen Ada Lovelace ein Begriff oder sogar Grace Hopper. Aber haben Sie jemals von Margaret Hamilton, Betty Holberton oder Elsie Shutt gehört? Keine Sorge, das geht den meisten Menschen so. Bei der Frage nach bedeutenden weiblichen Wissenschaftlern oder nach Pionierinnen des Digitalzeitalters herrscht oft Ratlosigkeit. Dabei waren Mathematikerinnen und Programmiererinnen für die Entwicklung der Informatik gerade in ihrer Frühzeit durchaus prägend. Doch seit dem Siegeszug des PCs in den frühen 1980er Jahren sind die Leistungen dieser Frauen ebenso in Vergessenheit geraten, wie die Arbeit der „Rocket Girls“ der NASA, ohne die die Mondlandung der Amerikaner nicht möglich gewesen wäre. Heute ist die öffentliche Wahrnehmung vielmehr geprägt von den erstaunlichen Erfolgsgeschichten eines Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg. Kein Problem, könnte man meinen. Ist es aber doch. Nämlich für die Motivation von Mädchen, sich mit Naturwissenschaften, Technik und IT zu beschäftigen.


Darauf weist eine aktuelle Studie zum Thema „Mädchen und MINT-Fächer“ (The When & Why of STEM Gender Gap) hin. Demnach denkt Mehrheit der Mädchen in Deutschland zuerst an einen Mann, wenn sie sich einen Wissenschaftler vorstellt. Gleichzeitig wünscht sich hierzulande fast jedes zweite Mädchen „mehr weibliche Vorbilder in der Berufswelt“. Doch woher sollen kurzfristig mehr Vorbilder kommen, wenn sich laut aktueller Pisa-Studie noch immer nur 13 Prozent der deutschen Mädchen vorstellen können, später im Bereich Naturwissenschaften zu arbeiten. Deshalb ist es so wichtig, dass die real existierenden Vorbilder mehr Beachtung finden. Einen Beitrag dazu können Filme wie „Hidden Figures“ leisten. Die für drei Oscars nominierte Geschichte von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgeblich am Mercury- und am Apollo-Programm der NASA beteiligt waren, und inspiriert hoffentlich auch hierzulande das eine oder andere Mädchen.


Denn ein „lasst die Mädchen doch mit Mathe in Ruhe“, wie es vor kurzem auf Zeit Online postuliert wurde, ist für mich nicht akzeptabel – einerseits wegen des weiter wachsenden Fachkräftemangels, der eine echte Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Deutschland darstellt, andererseits, weil wir nicht zulassen dürfen, dass sich die Chancen von Mädchen in einer zunehmend von Technologie geprägten Arbeitswelt weiter verschlechtern. Auch werden in den kommenden Jahren in der technologischen Entwicklung überaus wichtige Weichen gestellt, zum Beispiel im Bereich künstliche Intelligenz. Wenn wir nicht bald mehr Mädchen für Technik begeistern, dann wird unsere Zukunft allein von männlichen Softwareingenieuren geschrieben.


Was können wir also tun? In unserer Studie zeigte sich, dass das Interesse an MINT-Fächern bei Mädchen zwischen elf und 16 Jahren am größten ist und dann ziemlich abrupt nachlässt. Neben fehlenden Vorbildern spielt auch mangelndes Selbstvertrauen eine wichtige Rolle. Fast jedes vierte Mädchen glaubt, dass es in MINT-Fächern niemals so gut sein kann wie ein Junge. An dieser Stelle sind Lehrer – aber auch Eltern – explizit gefordert, Mädchen mehr Mut zu machen. Mädchen legen außerdem besonderen Wert auf Kreativität und wollen Dinge selber entdecken und erforschen.
Wenn wir endlich mehr digitale Medien in der Schule einsetzen, fördern wir dadurch nicht nur den Aufbau der so dringend benötigten digitalen Kompetenz. Wir gewinnen auch tolle neue Möglichkeiten den Unterricht individueller, kreativer und lebendiger zu gestalten. Die Möglichkeiten werden auch bereits vielerorts genutzt: Da bauen Schüler historische Gebäude mit Minecraft nach, komponieren gemeinsam mit DJs per Softwarecode Musik oder programmieren lebensnahe Anwendungen für den Unterricht. Allerdings hängen solche Projekte fast immer vom persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte ab. Damit sich das ändert, brauchen wir dringend verbindliche Standards für digitale Bildung. Die meisten europäischen Länder haben ‚Coding‘ bereits in den Lehrplan aufgenommen oder planen dies in naher Zukunft. Wir sollten schnellstmöglich nachziehen. Damit Mädchen wie Jungen die digitale Zukunft aktiv mitgestalten können, benötigen sie zumindest Grundkenntnisse im Programmieren.

Unsere Studie hat auch gezeigt, dass sich das Interesse von Mädchen an MINT-Fächern dadurch steigern lässt, wenn es gelingt einen positiven Sinn zu vermitteln. Es gilt deshalb, möglichst anschaulich zu zeigen, wie sich durch Forschung und Technik wichtige Probleme lösen lassen – etwa in der Krebsforschung oder beim Klimawandel. Die befragten Mädchen würden es außerdem schätzen, wenn Wissenschaftler ihre Schule besuchen und mit ihnen über ihre Arbeit und Karrieremöglichkeiten im MINT-Bereich sprechen würden. Hier kann auch die IT-Industrie einen wichtigen Beitrag leisten. Indem sie Karrieremöglichkeiten aufzeigt und mit gängigen Vorurteilen über eine männerdominierte Arbeitswelt aufräumt. Indem sie transparent macht, woran sie forscht und wie sie sich die Zukunft vorstellt. Und indem sie selbst kreativ wird um zu beweisen, wieviel Kreativität in Technik stecken kann. Daran arbeiten wir schon seit Jahren mit Bildungsinitiativen wie „Code your life“. Am meisten Wirkung erzielen wir sicherlich, wenn alle Interessengruppen an einem Strang ziehen. Deshalb hat Microsoft einen Digitalen Bildungspakt zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlichem Sektor und der Zivilgesellschaft initiiert. Mittlerweile sind ein Dutzend Bildungs-Organisationen, Unternehmens-sowie Interessenverbände beigetreten und haben gemeinsam Lösungsansätze und konkrete politische Handlungsempfehlungen erarbeitet. An erster Stelle ein nationaler Aktionsplan und ein nachhaltiges Investitionsprogramm für digitale Bildung um Deutschlands Klassenzimmer endlich aus dem Kreidezeitalter zu führen und Mädchen wie Jungen einen guten Start in die digitale Zukunft zu ermöglichen.

Veröffentlicht von Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland

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