#neueNähe – oder warum wir 3.000 Jahre Innovationsuche weiter fortschreiben müssen

Der zweite #neueNähe-Hackathon von Microsoft und der Aktion Mensch vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 stand ganz im Zeichen von digitaler Teilhabe, Barrierefreiheit und Inklusion. Jetzt stehen die Preisträger der diesjährigen inklusiven Denkfabrik fest. Wir blicken auf das Event und viele tausend Jahre Innovationsgeschichte zurück.

Körperliche Nachteile auszugleichen und den Alltag auch für Menschen mit Einschränkungen einfacher zu gestalten – dieses Ziel setzen sich Menschen seit tausenden von Jahren. Das belegt ganz aktuell der Fund einer rund 3000 Jahre alten Prothese eines künstlichen Zehs aus dem alten Ägypten. Das internationale Forscherteam ist überrascht, wieviel Tragekomfort sie offenbar schon damals ihrer Besitzerin geboten hat. Sie wurde zu ihren Lebzeiten schon mehrfach überarbeitet und immer weiter angepasst.

Keine Frage, seit dieser Zeit hat sich natürlich viel getan und über die Jahrhunderte gab es immer wieder Innovationen, die echte Durchbrüche für Menschen mit Einschränkungen waren. Werfen wir doch mal einen Blick zurück:

Vom „rollenden Stuhl“ zum Treppenbezwinger
So gehen beispielsweise die Berichte über die ersten rollstuhlartigen Fortbewegungsmittel bis vor Christus zurück. Schon damals soll es erste Sessel mit Rollen gegeben haben. Und von König Philipp von Spanien ist überliefert, dass er Ende des 16. Jahrhunderts in einem Gefährt unterwegs war, das einem Rollstuhl bereits sehr nahekommt. Als inoffizieller Erfinder eines selbstantreibbaren Rollstuhls gilt hierzulande der von Kindheitstagen an gelähmte Uhrmacher Stephan Farfler, dessen Wagen von 1655 über seinen Tod hinaus in seiner Heimat Nürnberg ausgestellt wurde.

Das erste Patent auf einen Rollstuhl gab es erst im Jahr 1869 in den Vereinigten Staaten. Dabei hat sich die Idee eines „rollenden Stuhls“ über die Jahre doch eher schleppend weiterentwickelt. Heute sind natürlich nicht nur elektronisch fahrende Rollstühle Standard, sondern es gibt bereits Exemplare, die Treppen überwinden können. Und weil das trotzdem noch etwas umständlich und eher selten ist, hilft die Wheelmap der Sozialhelden aus Berlin, Rollstuhlfahrern und anderen, die auf Treppenstufen lieber verzichten, herauszufinden, welche Orte denn zugänglich und barrierefrei sind.

Untertitel – vom Türöffner für Gehörlose zum Standard für alle
Als die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF im Jahr 1979 beschlossen, den Videotext einzuführen, ebneten sie damit den Weg für die regelmäßige Nutzung von Untertiteln. Was uns heute täglich begegnet, ob in Social-Media-Videos, zur Übersetzung anderssprachiger Filme oder wenn man eben keine Kopfhörer zur Hand hat, war für gehörlose Menschen damals ein echter Durchbruch. Das Gegenstück lieferte das ZDF im Oktober 1993, als es erstmals einen Hörfilm mit Audiodeskription ausstrahlte und damit blinden und sehbehinderten Menschen die Möglichkeit bot, einen Film zu erleben.

Was damals noch aufwändig war, ist dank digitaler Technologien in der Produktion und den Ausstrahlungsgeräten heute so gesetzt, dass heute ausschließlich solche Filme öffentlich gefördert werden, die sowohl mit Audiodeskription als auch mit Untertiteln ausgestattet sind.

Was die Zukunft bringt: Digitale Teilhabe nimmt Fahrt auf
Und nicht nur im Film, auch im Alltag können blinde und sehbehinderte Menschen sich dank moderner Technologie unterstützen lassen. Mich beeindruckt besonders das Seeing AI Project, das sehbehinderten Menschen, wie meinem Microsoft-Kollegen Saqib, dabei hilft, zu verstehen was um ihn herum passiert.

Oder das Project Emma, das Parkinson-Erkrankten ermöglicht, gerade Linien zu zeichnen und wieder per Hand zu schreiben. Und nicht zuletzt Technologien, die sich in verschiedenen Produkten übergreifend wiederfinden, wie die digitale Assistentin Cortana, die per Sprache gesteuert werden kann – für alle nützlich, doch für manche ein Segen.

Teilhabe fängt nicht bei der Lösung an – sondern bei der Idee
Was Technologien für Barrierefreiheit aus den letzten Jahrhunderten und heute unterscheidet ist übrigens nicht nur die Qualität – es ist die Verfügbarkeit. So muss man heute nicht mehr privilegierte Tochter eines Priesters in Ägypten sein, um eine Prothese zu bekommen und Barrierefreiheit zu erfahren. Wir bei Microsoft möchten Technologien von Anfang an so denken, dass sie wirklich allen zugänglich sind.

Und noch etwas ist mir wichtig: Bei der Entwicklung wurden in der Vergangenheit nicht selten diejenigen vergessen, die die Lösungen am Ende vor allem betreffen. Dabei funktioniert gerade Digitale Teilhabe nicht so, dass man den Menschen, denen die Technologie am Ende nützen soll, ein fertiges Produkt präsentiert. Deshalb wollen wir bei Microsoft von vornherein alle an der Entwicklung technologischer Lösungen für mehr Barrierefreiheit und Teilhabe beteiligen. Denn Digitale Teilhabe fängt nicht bei der fertigen Lösung an, sondern schon bei der ersten Idee.

Ein Wochenende in Tradition von dreitausend Jahren Innovationssuche
Und genau das war auch unser Ansatz beim zweiten #NeueNähe-Hackathon, den Microsoft gemeinsam mit der Aktion Mensch und dem Medical Valley EMN vom 30. Juni bis 2. Juli 2017 in Erlangen veranstaltet hat. Wie bereits beim erfolgreichen Auftakt im vergangenen Dezember in Berlin, sind wieder mehr als 80 Entwickler mit und ohne Behinderung an der inklusiven Denkfabrik beteiligt gewesen und haben gemeinsam zukunftsorientierten Lösungen für Barrierefreiheit und Teilhabe programmiert. Die besten Bilder und Videos haben wir in diesem Sway zusammengefasst, mehr über die Gewinner-Teams gibt es in dieser Pressemeldung auf dem Microsoft Newsroom.

Ein Beitrag von Astrid Aupperle
Leiterin Gesellschaftliches Engagement bei Microsoft Deutschland

 

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